05. Juni 2026

Fokuszeit schützen: Wenn Führung keine Zeit mehr hat

Fokuszeit schützen

Gute Führung zeigt sich nicht in der permanenten Erreichbarkeit. Wer Fokuszeiten schützt, stärkt die eigene Wirksamkeit und fördert die Selbstverantwortung im Team. Fokus ist kein Egotrip, sondern gelebte Führungsverantwortung.

Von: Melissa Schlimm  

Melissa Schlimm

Melissa Schlimm

Melissa Schlimm ist Personalentwicklerin und Buchautorin. Dank inter-nationaler Erfahrung för-dert sie Potenziale und stärkt Individuen sowie Teams in Kommunikation und Kollaboration. Ihr Name ist dabei nicht Teil des Programms, denn wo Schlimm draufsteht, kommt meist Gutes bei raus.

«Ich bin immer für mein Team da.» Was lange als Qualitätsmerkmal guter Füh­rung galt, hat sich still und leise in eine Falle verwandelt. Ein Missverständnis, das nicht nur Teams belastet, sondern auch Führungskräfte zuverlässig in Richtung Überforderung schiebt.

Denn Dauererreichbarkeit ist keine Stär­ke, sondern ein Zeichen fehlender Klar­heit – oder, freundlicher formuliert: ein Signal für ein Upgrade in Sachen Fokus, Struktur und Prioritäten.

Fokus beginnt oben oder gar nicht

Jetzt wird es entweder unbequem oder erkenntnisreich – idealerweise beides. Führungskräfte, die sich selbst keine Zeit zum Denken und Reflektieren gönnen, können auch im Team keine echte Fokus­kultur vorleben. Als Fan von produktivem Aktivismus braucht es dabei System.

Denn ohne intentionalen Handlungsrah­men verkommt Aktivität schnell zu Dau­erfeuerwehreinsätzen ohne Einsatzplan. Wer permanent reagiert, statt zu gestal­ten, zieht sein Team mit in den Strudel des Dauerbetriebs. Das ist selten wirksam und noch seltener gesund.

Willkommen im Reaktionskarussell

Der Tag beginnt vielversprechend – theo­retisch. Praktisch startet er mit einem E-Mail-Schwall, der jede Denkzeit ver­drängt. Es folgt ein länger anhaltendes Meeting. Währenddessen treffen immer wieder «Nur-kurz»-Fragen über Teams oder WhatsApp ein. Insgesamt liegt der Fokus weder beim Meeting noch bei den «Nur-kurz»-Fragen, die ein erstaunlich hohes Fehlerpotenzial haben. Die eigent­liche Arbeit fällt am späten Nachmittag an, wenn das Energieniveau bereits im Keller liegt. Was dann entsteht, ist meist viel – aber selten das Richtige. Willkom­men im Reaktionsmodus ohne Intentio­nalität.

Das stille Dilemma moderner Führung

Das Ergebnis des Reaktionsmodus zeigt sich auf zwei Ebenen:

  • Das Team übernimmt dieses Verhalten und macht es zur Norm.

  • Die Führungskraft arbeitet in ihren bes­ten Stunden nicht an den wichtigsten Themen.

Beide Seiten reagieren, statt zu gestalten. Sie sind beschäftigt, aber nicht wirksam. Unterbrechungen werden selbstverständ­lich, Fokusarbeit zum Luxus, und die In­tentionalität fehlt.

Fokuszeiten sind Führungsarbeit

Hier setzt ein grundlegender Perspektiv­wechsel an: Fokuszeiten zu schützen, ist keine Selbstoptimierung, sondern Füh­rungsverantwortung. Wer die eigenen Leistungshochs kennt und schützt, lebt Prioritätssetzung vor und ermöglicht dem Team, dasselbe zu tun.

Daraus entstehen drei Effekte:

  1. Entscheidungen mit Substanz: Strategische Fragen brauchen mentale Kapazität, keine Restenergie. Fokus­zeiten schaffen Raum für Qualität statt Schnellschüsse.
  2. Authentische Vorbildfunktion: Teams orientieren sich am Führungs­verhalten. Wer Fokuszeiten schützt, signalisiert: Konzentriertes Arbeiten ist erlaubt.
  3. Kulturelle Orientierung: Klare Fokuszeiten fördern Priorisie­rung, vorausschauendes Handeln und mehr Verantwortung im Team.

Dein Frühwarnsystem für Fokus

Im Coaching arbeite ich mit Führungs­kräften daran, mehr Klarheit über ihre Wirksamkeit zu gewinnen. Früher oder später stellt sich die Frage: Wann bin ich eigentlich effizient? Leistungstracking lie­fert Antworten.

Kein Zahlenfriedhof, sondern ein ehr­licher Blick auf den Arbeitsalltag. Zwei Kurven stehen im Zentrum: die Unter­brechungskurve und die Leistungskurve.

Denn wer weiss, wann der Kopf wirklich funktioniert, plant bewusster – und legt Aufgaben ohne geistigen Höhenflug ge­zielt in die Nebenzeiten.

Die Unterbrechungskurve vs. die Leistungskurve

Wann klingelt, pingt oder klopft es beson­ ders oft? / Wenn du dein eigener Chef wärst: Wie würdest du deine Arbeitszeiten gestalten?
Gibt es Tageszeiten, in denen gefühlt alles gleichzeitig passiert – und andere, in denen du in Ruhe denken könntest, wenn du es dir erlaubst oder noch Energie hättest? / Arbeitest du morgens fokussiert und klar – oder kommst du erst nach dem Mittag richtig in Schwung?

Diese Erkenntnisse sind Gold wert. Wer seine Störmuster kennt, kann sie gezielt reduzieren oder besser steuern. / Menschen haben unterschiedliche Ener­gie-Hochs. Entscheidend ist nicht, wann du leistungsfähig bist, sondern dass du es weisst – und ob dein Arbeitsalltag dem Rechnung trägt.

Die Unterbrechungskurve zeigt, wo dein Arbeitstag strukturell durchlässig ist. Genau dort lohnt es sich, Unterbrechungen nicht nur zu hinterfragen, sondern auch mit den «fleischgewordenen» Störfaktoren zu be­sprechen. / Die Leistungskurve macht sichtbar, wann konzentrierte Denkarbeit besonders gut gelingt. Wer diese Zeitfenster kennt, kann wichtige Aufgaben gezielt dort platzieren und Routinen bewusst in Phasen geringerer Energie verschieben.

Vier Schritte zum Fokusfenster

  1. Tracke eine Woche lang, wann du gestört wirst und wann du im Flow bist.

  2. Erkenne deine Muster und identi­fiziere ruhige, energiegeladene Zeit­fenster.

  3. Blocke sie im Kalender und mach sie sichtbar.

  4. Kommuniziere offen im Team, was du tust und warum. Erfahrungsge­mäss fragen viele: «Darf ich das auch so machen?»

Die Wirkung entfaltet sich, wenn Fokus­zeiten zur gemeinsamen Praxis werden. Lade dir das Leistungstracking herunter und finde deine Leistungs­und Unterbrechungsfens­ter. Mache sie für dich und dein Team sichtbar, denn Fokus ist ansteckend.

Schauen wir auf mögliche Einwände

«Ich muss erreichbar sein – ich bin Führungskraft.»

Stimmt. Aber nicht durchgehend. Zwei feste Zeitfenster pro Tag reichen für den Grossteil der Anliegen. Für den Rest hel­fen klare Absprachen, Eskalationsregeln und definierte Joker-Anrufe. 

«Mein Kalender gibt das nicht her.» Okay, dann lohnt sich ein ehrlicher Blick da­rauf, wer oder was wen steuert. Führung heisst auch, bei der eigenen Zeit Prioritäten zu setzen. Zwei Stunden Fokuszeit pro Wo­che reichen als Einstieg vollkommen aus.

«Mein Team braucht spontane Antworten.»

Wirklich? Oder hat es gelernt, dass die Führungskraft immer verfügbar ist – und denkt deshalb weniger selbst? Fokuszei­ten sind auch ein Training in Selbstverant­wortung für Führungskräfte und Teams.

«Diese Meetings sind nicht verschiebbar.»

Ich bin erklärter Gegner der nahtlos in­einander übergehenden Meetingkultur. Eine Firma, mit der ich arbeite, plant kon­sequent 45-Minuten-Meetings, die zur vollen Stunde beginnen. Die 15-Minuten-Puffer wirken Wunder.

Eine Führungskraft aus dieser Firma nahm gleichzeitig an drei Meetings teil und lern­te dabei die Überzeugung «Meetings sind nicht verschiebbar» zu hinterfragen und Absprachen neu zu regeln.

«Meine Check-ins mit meinen vielen Direktberichtenden blockieren die Woche.»

Mein Lieblingsargument. Meist folgt auf die Nachfrage nach der Frequenz eine einfache Erkenntnis: Monatliche Gesprä­che reichen oft völlig aus.

Klarheit schlägt Verfügbarkeit

Gute Führung bedeutet heute, bewusst präsent zu sein. Wer Fokuszeiten schützt, arbeitet an den richtigen Themen, stärkt die Selbststeuerung im Team und fördert eine klare, gesunde Kultur. Das ist keine Ego-Show, sondern Führungsverantwor­tung in ihrer besten Form.

Um unsere Website laufend zu verbessern, verwenden wir Cookies. Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr Infos