22. Januar 2026

Nützliche Kritik: Die Kunst der nützlichen Kritik

Nützliche Kritik

Vielfach wird Kritik unausgewogen vermittelt, und die kritisierte Person wird damit alleine gelassen. Mithilfe des dialogischen Orientierungsquadranten teilen Sie Ihre Kritik ausgewogener mit und explo¬rieren gemeinsam das Potenzial in die Zukunft.

Von: Elfriede Czerny, Dominik Godat  

Elfriede Czerny

Sie ist Coach und Potenzialentwicklerin. Gemeinsam mit Dominik Godat leitet sie das Zent­rum für lösungsfokussierte Führung.

Dominik Godat

Er ist Studienleiter des CAS Coaching als Führungs­kompetenz an der Hochschule Luzern und Buchautor.

Es gibt unzählige Methoden, Feedback zu geben: Die Sandwich-Methode bet­tet Kritik in Lob ein. Mit der 3W-Metho­de schildern Sie die Wahrnehmung, be­schreiben die Wirkung und formulieren Ihren Wunsch. Die SKS-Methode be­tont, was stark war, was kritisch gese­hen wird und was stattdessen möglich ist. Oder die FUKO-Methode, welche Fakten, Ursachen, Konsequenzen und Optionen durchgeht. Bei vielen Metho­den ist klar, dass sie vorwiegend mit Ich-Botschaften agieren und ihre Kritik konkret und spezifisch formulieren.

Oft werden Feedbacks oder Kritik je­doch eher unausgewogen mitgeteilt. Es wird zu fest das Negative betont. Das Funktionierende wird eher selten gesehen und das Gewünschte meist nicht im Detail geschildert. Um Kritik ausgewogener zu gestalten, bietet sich der dialogische Orientierungsqua­drant an, der ursprünglich von Haesun Moon formuliert und von Marianne Rössler und Wolfgang Gaiswinkler für kritische Statements erweitert wurde.

Die vier Quadranten

Der dialogische Orientierungsquadrant bietet einen guten Rahmen für Gesprä­che. Wir können in Gesprächen über die Vergangenheit sprechen oder über die Zukunft. Zudem können wir über Er­wünschtes (Positives) oder Unerwünsch­tes (Negatives) reden. Durch diese Un­terteilung entstehen vier Quadranten:

1. unten links: Hier sprechen wir über Unerwünschtes in der Vergangenheit, zum Beispiel über Probleme, Nicht­-funktionierendes oder über das, was wir erlebt haben und nicht möchten.

  1. unten rechts: Hier sprechen wir über Unerwünschtes in der Zukunft, zum Beispiel über Worst-Case-Sze­narien, was uns in Zukunft Sorgen macht oder was in Zukunft nicht passieren sollte.

  2. oben links: Hier sprechen wir über all das, was in der Vergangenheit erwünscht war, zum Beispiel über das, was in der Vergangenheit gut war, das, was funktioniert hat, oder das, was wir Positives erlebt haben.

  3. oben rechts: Hier sprechen wir über Erwünschtes in der Zukunft, zum Bei­spiel über unsere Ziele, was wir in Zukunft wollen, Best-Case-Szenarien oder unsere gewünschte Zukunft.

Die Gesprächsrichtung beeinflussen Wenn wir normal miteinander reden, dann bewegen wir uns oft in allen vier Quadranten. Auch wenn eine Frage klar in einen der Quadranten gestellt wird, zum Beispiel: «Was ist dein Ziel?», dann erhalten wir oft auch Ant­worten, die mehrere Quadranten abde­cken. Zum Beispiel könnte eine Per­son antworten, dass ihr Ziel sei, eine neue Stelle zu erhalten (oben rechts), weil es im Moment im Job nicht mehr so gut läuft (unten links) wie früher, als sie noch eine andere Stelle hatte (oben links), und sie Angst hat, dass es noch schlimmer wird (unten rechts).

Dennoch können wir durch unsere

  • Fragen, (worauf wir unsere Fragen im Quadranten ausrichten),

  • Kommentare (was wir ansprechen im Quadranten)

  • Formulationen (was vom Gesagten des Gegenübers wir aufnehmen),

  • unser Zuhören (worauf wir im Quad­ranten hören)

die Gesprächsrichtung beeinflussen und unsere Gesprächspartner*innen gezielt in einen der Quadranten einladen.

Kritik ausgewogen mitteilen

Der dialogische Orientierungsquadrant eignet sich nicht nur, um Gespräche zu analysieren, sondern auch, um Ge­spräche vorzubereiten. Wenn Sie Kritik mit dem dialogischen Orientierungs­quadranten ausgewogen mitteilen wol­len, heisst dies, dass Sie

  • Negatives kurz benennen,
  • Funktionierendes sichtbar machen
  • sowie konkret formulieren, was Sie möchten.

Das heisst, dass wir uns unten im Quadranten eher kurz halten und dafür oben ausführlicher schildern, was und wie wir es möchten und was bereits funktioniert.

Marianne Rössler und Wolfgang Gais­winkler haben genau so den Quadran­ten weiterentwickelt und für Rückmel­dungen (Statements) im Kinder- und Jugendschutz verwendet. Denn dort müssen die Behördenvertreter*innen in die Familien gehen und Negatives ansprechen (unten links) sowie Kon­sequenzen aufzeigen (unten rechts). Wenn ein Kind zum Beispiel Gewalt erfährt, darf dies nicht mehr vorkom­men, sonst muss das Kind aus der Familie genommen werden. Während das über Jahrzehnte vor allem nega­tiv gemacht wurde, propagieren sie im Gegensatz dazu, unten links und unten rechts knappe Statements zu formulie­ren, damit die Person weiss, weshalb sie mit ihr ein Gespräch führen. Und dann vor allem oben rechts – das, was Sie sehen müssen und was erwünscht ist – und oben links – das, was bereits in die richtige Richtung geht und funk­tioniert – ausführlicher zu werden.

Einen Rahmen setzen

Mit dem dialogischen Orientierungsqua­dranten setzen Sie einen klaren Rah­men für das Gespräch, in dem klar wird, weshalb Sie das Gespräch führen (unten links – Was ist geschehen? – und unten rechts – Welche Sorgen machen Sie sich?). Zudem wird klar, wo und wie Sie Potenzial sehen und was diesbezüglich aus Ihrer Sicht auch bereits gut funktio­niert. Vor allem das Funktionierende gibt Hoffnung, dass es wieder so geschehen kann oder dass eine Variante gefunden werden kann, die für beide passt.

Potenzial gemeinsam erkunden Um eine gute Lösung zu finden, können Sie Ihre Gesprächsparter*innen im An­schluss auch einladen mitzudenken. So können Sie gemeinsam das Poten­zial in Zukunft erkunden. Dabei lohnt es sich, vor allem über die Elemente oben links und oben rechts zu sprechen:

Oben rechts:

  • Wie müsste es aus deiner Sicht sein?
  • Was würdest du dann anders tun?
  • Was würden wir dann gemeinsam anders tun?
  • Wie könnten wir dies schaffen?
  • Was könnten jetzt gute nächste Schritte dazu sein?

Oben links:

  • Wann hat es schon mal funktioniert?
  • Wie hast du es dort geschafft?
  • Was hast du dort gemacht?
  • Wie habe ich dich dort unterstützt?

Mit dem dialogischen Orientierungs­quadranten können Sie so nicht nur ausgewogene Kritik äussern, sondern auch gezielt darüber sprechen, wie es in Zukunft aussehen soll, damit es für Sie beide passt.   

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