Es gibt unzählige Methoden, Feedback zu geben: Die Sandwich-Methode bettet Kritik in Lob ein. Mit der 3W-Methode schildern Sie die Wahrnehmung, beschreiben die Wirkung und formulieren Ihren Wunsch. Die SKS-Methode betont, was stark war, was kritisch gesehen wird und was stattdessen möglich ist. Oder die FUKO-Methode, welche Fakten, Ursachen, Konsequenzen und Optionen durchgeht. Bei vielen Methoden ist klar, dass sie vorwiegend mit Ich-Botschaften agieren und ihre Kritik konkret und spezifisch formulieren.
Oft werden Feedbacks oder Kritik jedoch eher unausgewogen mitgeteilt. Es wird zu fest das Negative betont. Das Funktionierende wird eher selten gesehen und das Gewünschte meist nicht im Detail geschildert. Um Kritik ausgewogener zu gestalten, bietet sich der dialogische Orientierungsquadrant an, der ursprünglich von Haesun Moon formuliert und von Marianne Rössler und Wolfgang Gaiswinkler für kritische Statements erweitert wurde.
Die vier Quadranten
Der dialogische Orientierungsquadrant bietet einen guten Rahmen für Gespräche. Wir können in Gesprächen über die Vergangenheit sprechen oder über die Zukunft. Zudem können wir über Erwünschtes (Positives) oder Unerwünschtes (Negatives) reden. Durch diese Unterteilung entstehen vier Quadranten:
1. unten links: Hier sprechen wir über Unerwünschtes in der Vergangenheit, zum Beispiel über Probleme, Nicht-funktionierendes oder über das, was wir erlebt haben und nicht möchten.
unten rechts: Hier sprechen wir über Unerwünschtes in der Zukunft, zum Beispiel über Worst-Case-Szenarien, was uns in Zukunft Sorgen macht oder was in Zukunft nicht passieren sollte.
oben links: Hier sprechen wir über all das, was in der Vergangenheit erwünscht war, zum Beispiel über das, was in der Vergangenheit gut war, das, was funktioniert hat, oder das, was wir Positives erlebt haben.
oben rechts: Hier sprechen wir über Erwünschtes in der Zukunft, zum Beispiel über unsere Ziele, was wir in Zukunft wollen, Best-Case-Szenarien oder unsere gewünschte Zukunft.
Die Gesprächsrichtung beeinflussen Wenn wir normal miteinander reden, dann bewegen wir uns oft in allen vier Quadranten. Auch wenn eine Frage klar in einen der Quadranten gestellt wird, zum Beispiel: «Was ist dein Ziel?», dann erhalten wir oft auch Antworten, die mehrere Quadranten abdecken. Zum Beispiel könnte eine Person antworten, dass ihr Ziel sei, eine neue Stelle zu erhalten (oben rechts), weil es im Moment im Job nicht mehr so gut läuft (unten links) wie früher, als sie noch eine andere Stelle hatte (oben links), und sie Angst hat, dass es noch schlimmer wird (unten rechts).
Dennoch können wir durch unsere
Fragen, (worauf wir unsere Fragen im Quadranten ausrichten),
Kommentare (was wir ansprechen im Quadranten)
Formulationen (was vom Gesagten des Gegenübers wir aufnehmen),
unser Zuhören (worauf wir im Quadranten hören)
die Gesprächsrichtung beeinflussen und unsere Gesprächspartner*innen gezielt in einen der Quadranten einladen.
Kritik ausgewogen mitteilen
Der dialogische Orientierungsquadrant eignet sich nicht nur, um Gespräche zu analysieren, sondern auch, um Gespräche vorzubereiten. Wenn Sie Kritik mit dem dialogischen Orientierungsquadranten ausgewogen mitteilen wollen, heisst dies, dass Sie
- Negatives kurz benennen,
- Funktionierendes sichtbar machen
- sowie konkret formulieren, was Sie möchten.
Das heisst, dass wir uns unten im Quadranten eher kurz halten und dafür oben ausführlicher schildern, was und wie wir es möchten und was bereits funktioniert.
Marianne Rössler und Wolfgang Gaiswinkler haben genau so den Quadranten weiterentwickelt und für Rückmeldungen (Statements) im Kinder- und Jugendschutz verwendet. Denn dort müssen die Behördenvertreter*innen in die Familien gehen und Negatives ansprechen (unten links) sowie Konsequenzen aufzeigen (unten rechts). Wenn ein Kind zum Beispiel Gewalt erfährt, darf dies nicht mehr vorkommen, sonst muss das Kind aus der Familie genommen werden. Während das über Jahrzehnte vor allem negativ gemacht wurde, propagieren sie im Gegensatz dazu, unten links und unten rechts knappe Statements zu formulieren, damit die Person weiss, weshalb sie mit ihr ein Gespräch führen. Und dann vor allem oben rechts – das, was Sie sehen müssen und was erwünscht ist – und oben links – das, was bereits in die richtige Richtung geht und funktioniert – ausführlicher zu werden.
Einen Rahmen setzen
Mit dem dialogischen Orientierungsquadranten setzen Sie einen klaren Rahmen für das Gespräch, in dem klar wird, weshalb Sie das Gespräch führen (unten links – Was ist geschehen? – und unten rechts – Welche Sorgen machen Sie sich?). Zudem wird klar, wo und wie Sie Potenzial sehen und was diesbezüglich aus Ihrer Sicht auch bereits gut funktioniert. Vor allem das Funktionierende gibt Hoffnung, dass es wieder so geschehen kann oder dass eine Variante gefunden werden kann, die für beide passt.
Potenzial gemeinsam erkunden Um eine gute Lösung zu finden, können Sie Ihre Gesprächsparter*innen im Anschluss auch einladen mitzudenken. So können Sie gemeinsam das Potenzial in Zukunft erkunden. Dabei lohnt es sich, vor allem über die Elemente oben links und oben rechts zu sprechen:
Oben rechts:
- Wie müsste es aus deiner Sicht sein?
- Was würdest du dann anders tun?
- Was würden wir dann gemeinsam anders tun?
- Wie könnten wir dies schaffen?
- Was könnten jetzt gute nächste Schritte dazu sein?
Oben links:
- Wann hat es schon mal funktioniert?
- Wie hast du es dort geschafft?
- Was hast du dort gemacht?
- Wie habe ich dich dort unterstützt?
Mit dem dialogischen Orientierungsquadranten können Sie so nicht nur ausgewogene Kritik äussern, sondern auch gezielt darüber sprechen, wie es in Zukunft aussehen soll, damit es für Sie beide passt.