Plötzlich Führungskraft
Eine Beförderung gilt oft als logischer nächster Karriereschritt. Gerade beim ersten Wechsel in eine Führungsfunktion verändert sich jedoch weit mehr als Titel oder Verantwortung. Die fachliche Kompetenz bleibt wichtig, reicht aber nicht mehr aus. Plötzlich geht es darum, Entscheidungen zu vertreten, Beziehungen neu zu ordnen und Leistung über andere zu ermöglichen.
Aus der Kollegin wird die Vorgesetzte. Aus dem Kollegen, mit dem gestern noch auf Augenhöhe diskutiert wurde, wird ein Mitarbeitender, dessen Leistung beurteilt werden muss. Konflikte lassen sich nicht mehr weiterreichen. Verantwortung muss verteilt, Leistung eingefordert und Orientierung gegeben werden.
Genau hier liegt ein blinder Fleck vieler Beförderungsprozesse. Gute Leistung in der bisherigen Funktion wird als Hinweis auf künftige Führungsfähigkeit gelesen. Das ist verständlich, aber nur bedingt logisch.
Beförderung bedeutet Rollenwechsel
Was Menschen in ihrer bisherigen Funktion erfolgreich gemacht hat, kann in der Führungsrolle plötzlich hinderlich werden. Probleme selbst zu lösen, rasch Antworten zu liefern und die Kontrolle über die eigene Arbeit zu behalten, sind Eigenschaften, die gute Mitarbeitende häufig auszeichnen. Von einer Führungsperson wird aber verlangt, Verantwortung abzugeben, andere entscheiden zu lassen und auszuhalten, dass ein Teammitglied eine Aufgabe anders löst. Entscheidend ist also nicht mehr primär, selbst die beste Lösung zu liefern, sondern andere in die Lage zu versetzen, gute Lösungen zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen.
In unsicheren Situationen greifen Menschen bevorzugt auf bekannte Muster zurück. Neue Führungskräfte bleiben deshalb häufig zu stark im Tagesgeschäft eingebunden, kontrollieren stärker als nötig oder schieben schwierige Gespräche auf. Dahinter steckt nicht zwingend mangelnde Eignung, es fehlt schlicht der nötige Handwerkskoffer, um solche Situationen souverän zu meistern. In der Untersuchung gaben 58% der befragten First-Time-Manager an, dass sie beim Übergang in ihre erste Führungsrolle keinerlei Training erhielten. Viele übernehmen damit Führungsverantwortung, ohne zuvor das nötige Handwerkszeug dafür erhalten zu haben. Was dann wie mangelnde Führungskompetenz wirkt, ist oft auch das Resultat fehlender Vorbereitung und Unterstützung.
Vom «Macher» zum «Führer»
Die Arbeits- und Organisationspsychologie nennt einen zentralen Teil dieser Unsicherheit Rollenambiguität. Sie entsteht, wenn wesentliche Erwartungen an eine Funktion unklar bleiben: Welche Ziele haben Vorrang? Welche Entscheidungen darf ich selbst treffen? Wo endet meine Verantwortung? Nach welchen Kriterien wird meine Leistung beurteilt?
Hinzu kommen widersprüchliche Erwartungen. Eine neue Teamleiterin soll stärker delegieren und gleichzeitig «weiterhin voll im Tagesgeschäft bleiben». Sie soll Nähe zum Team bewahren, aber genügend Distanz für schwierige Personalentscheide schaffen.
Hier spricht man von Rollenkonflikten. In der Praxis treten Rollenambiguität und Rollenkonflikte häufig gemeinsam auf.
Die Rollenambiguität hängt mit einer geringeren Arbeitsleistung zusammen. Unklarheit darüber, was von einer Person erwartet wird, welche Verantwortung sie trägt oder nach welchen Kriterien ihre Leistung beurteilt wird, kann sich auch auf die tatsächliche Leistung auswirken.1
Belastungen wie unklare Rollen und Erwartungen, widersprüchliche Anforderungen, Überlastung, Arbeitsplatzunsicherheit, Konflikte zwischen Beruf und Privatleben, ein unsicheres Arbeitsumfeld oder hinderliche Rahmenbedingungen stehen im Durchschnitt mit einer geringeren Arbeitsleistung zusammen. Besonders deutlich ist dieser Zusammenhang bei Rollenambiguität und situativen Einschränkungen, die Mitarbeitende bei ihrer Arbeit ausbremsen. Bei Führungskräften zeigte sich zudem, dass sich Überlastung besonders deutlich auf die Leistung auswirkt: Der negative Zusammenhang war bei ihnen stärker als bei Mitarbeitenden ohne Führungsverantwortung.2
Fehlen klare Rollenerwartungen, fehlt der Führungskraft ein verlässlicher Massstab für ihr Handeln. Entscheidungen müssen stärker interpretiert und das eigene Verhalten laufend überprüft werden. Das bindet Aufmerksamkeit und erhöht unter Belastung den Stress. Gerade neue Führungskräfte greifen dann eher auf vertraute Muster zurück, die kurzfristig Sicherheit geben, etwa Aufgaben selbst zu übernehmen, Entscheidungen abzusichern oder enger zu kontrollieren.
Das Job-Demands-Resources-Modell von Demerouti und Kollegen3 bietet dafür einen passenden Bezugsrahmen: Mit einer Beförderung steigen häufig mehrere Anforderungen gleichzeitig, etwa Verantwortung, Entscheidungsdruck, soziale Komplexität und die Erwartungen anderer. Fehlen gleichzeitig Ressourcen, die bei der Bewältigung dieser Anforderungen helfen, steigt das Risiko für Überforderung und Erschöpfung.
Es sollte deshalb vor oder spätestens zu Beginn einer Beförderung geklärt werden, wofür die Person verantwortlich ist, welche Entscheide sie selbst trifft, wie viel operative Mitarbeit erwartet wird und woran gute Führung erkannt wird.
Die internen Aufsteiger haben es besonders schwer
Gerade bei einer internen Beförderung verändert sich mit dem Titel auch das soziale Gefüge im Team. Aus Kolleginnen und Kollegen werden Mitarbeitende, bisherige Beziehungen bleiben aber bestehen. Für beide Seiten entsteht deshalb zunächst eine Phase der Neuorientierung: Wie viel Nähe ist noch passend? Wie konsequent setzt die neue Führungskraft Erwartungen durch? Behandelt sie frühere Vertraute gleich wie alle anderen? Genau diese Verschiebung zwischen bisheriger Beziehung und neuer Autorität gehört laut einer Untersuchung zu den häufigsten Herausforderungen von First-Time-Managern.
In dieser Phase lernt das Team sehr schnell, welches Verhalten sich im neuen Führungsgefüge auszahlt. Werden Entscheidungen regelmässig nach oben gezogen oder Aufgaben nach der Delegation wieder übernommen, kann sich ein Muster entwickeln, bei dem Mitarbeitende Verantwortung zunehmend zurückgeben. Bleiben Spannungen wiederholt unangetastet, entsteht die Erwartung, dass Konflikte besser nicht angesprochen werden. Solche Muster entstehen nicht durch einen einzelnen Führungsfehler, sondern durch wiederholte Erfahrungen im Alltag.
Deshalb ist gerade zu Beginn entscheidend, Erwartungen, Entscheidungsräume und Grenzen sichtbar zu machen und im eigenen Verhalten konsequent zu bleiben. Frühe Führung schafft damit einen Referenzrahmen, an dem sich das Team orientiert. Je klarer dieser Rahmen ist, desto geringer ist die Gefahr, dass sich ungünstige Verhaltensmuster verfestigen und später mühsam korrigiert werden müssen.
Eingespielte Verhaltensweisen und Erwartungen müssen durch wiederholte neue Erfahrungen überschrieben wer den. Schon bei einfachen individuellen Gewohnheiten zeigt die Forschung, dass sich neues Verhalten meist über Wochen bis Monate festigt. Bei einem Team kommt hinzu, dass mehrere Personen ihre Erwartungen und ihr Verhalten anpassen müssen.
Weiterbildung muss Teil des Beförderungsprozesses sein
Mitarbeitende mit Führungspotenzial sollten bereits im Rahmen der Talententwicklung systematisch auf eine mögliche Führungsrolle vorbereitet werden. Dazu gehören psychologisches Wissen über Motivation, Kommunikation, Konflikte und Gruppendynamik, konkrete Führungsinstrumente sowie Gelegenheiten, das Gelernte anzuwenden und zu reflektieren. Mentoring, Coaching, Hospitationen oder erste klar begrenzte Führungsaufgaben können helfen, ein realistisches Verständnis der Rolle aufzubauen, bevor die volle Verantwortung übernommen wird.
Führungskräfteentwicklung sollte zum Standard jedes Beförderungsprozesses gehören und idealerweise beginnen, bevor eine Person erstmals Verantwortung für andere übernimmt. Eine Beförderung darf nicht allein die bisherige Leistung würdigen. Sie sollte auch voraussetzen, dass die Person auf die psychologischen und sozialen Anforderungen ihrer neuen Rolle vorbereitet wurde.
Quellen
1 Tubre, T. C., & Collins, J. M. (2000). Jackson and Schuler (1985) Revisited: A Meta-Analysis of the Relationships Between Role Ambi-guity, Role Conflict, and Job Performance. Journal of Management, 26(1), 155–169. DOI: 10.1177/014920630002600104.
2 Gilboa, S., Shirom, A., Fried, Y., & Cooper, C. L. (2008). A Meta-Analysis of Work Demand Stressors and Job Performance: Examining Main and Moderating Effects. Personnel Psychology, 61(2), 227–271. DOI: 10.1111/j.1744-6570.2008.00113.x.
3 Demerouti, E., Bakker, A. B., Nachreiner, F., & Schaufeli, W. B. (2001). The Job Demands–Resources Model of Burnout. Journal of Applied Psychology, 86(3), 499–512. DOI: 10.1037/0021-9010.86.3.499.
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