03. September 2026

Technik und Generationen: Technologien verändern sich, grundlegende Bedürfnisse bleiben

Technik und Generationen

Technik wird oft als Erklärung dafür genutzt, warum junge Menschen anders «ticken». Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass Menschen die Mittel nutzen, die ihnen momentan zur Verfügung stehen. Und das schon seit Generationen.

Von: Elfriede Czerny, Dominik Godat  

Elfriede Czerny

Sie ist Coach und Potenzialentwicklerin. Gemeinsam mit Dominik Godat leitet sie das Zent­rum für lösungsfokussierte Führung.

Dominik Godat

Er ist Studienleiter des CAS Coaching als Führungs­kompetenz an der Hochschule Luzern und Buchautor.

Ob Plattenspieler, Walkman, Discman, Fernseher, erster Computer oder Smartphone: Jede Zeit bringt ihre ei­genen Technologien hervor. Wer in den 1980er­ oder 1990er­Jahren auf­gewachsen ist, erinnert sich vielleicht daran, wie Musik plötzlich mobil wur­de, wie Fernsehsender neue Welten eröffneten oder wie erste Computer Einzug in den Alltag hielten. Ich erinne­re mich noch gut daran, wie mein Vater den ersten 286er­Computer nach Hause brachte mit dem unverkennba­ren grünen Bildschirm oder wie ich als Teenager zum ersten Mal vor meinem Commodore 64 sass und einen Ball programmierte. Oder wie gross die Funkantenne an unserem Auto war. Heute sind es Smartphones, soziale Medien und digitale Plattformen, die selbstverständlich zum Leben dazu­gehören und nicht mehr wegzudenken sind.

Oft wird gerade aus den neuen tech­nischen Möglichkeiten eine Eigen­schaft von Generationen abgeleitet: Die einen seien «analog», die anderen «digital». Doch diese Unterscheidung greift zu kurz. Menschen nutzen die Technologien, die ihnen in ihrer jewei­ligen Situation zur Verfügung stehen.

Junge Menschen waren schon immer vorne dabei

Wenn neue Technologien auftauchen, sind es häufig junge Menschen, die sie zuerst ausprobieren, weiterentwickeln und in ihren Alltag integrieren. Dieses Muster zeigt sich immer und immer wieder, unabhängig davon, um welche Generation es geht. Das war schon zu Zeiten unserer Eltern der Fall. Damals vielleicht mit Schallplatten, Diaprojek­toren oder Elektromusik.

Zu unseren Zeiten in den 1980er­ und 1990er­Jahren waren es Jugendliche, die neue Musikformate prägten, Kas­setten tauschten, MTV schauten oder erste Formen digitaler Kommunikation nutzten. Später waren es junge Men­schen, die Chatrooms, Messenger­Dienste oder soziale Netzwerke früh für sich entdeckten. Heute zeigt sich ein ähnliches Bild mit Plattformen wie TikTok oder neuen Formen digitaler Vernetzung.

Was dabei oft als «typisch für eine Ge­neration» beschrieben wird, lässt sich auch anders lesen: Junge Menschen befinden sich in einer Lebensphase, in der Ausprobieren, Vernetzen und das Erkunden neuer Möglichkeiten eine zentrale Rolle spielen. Neue Technolo­gien bieten dafür besonders geeignete Räume.

Hinzu kommt, dass junge Menschen weniger stark an bestehende Routinen gebunden sind. Sie müssen nicht erst alte Gewohnheiten verlernen, sondern können neue Möglichkeiten unmittel­bar in ihren Alltag integrieren. Dadurch wirken sie im Umgang mit Technik oft schneller, selbstverständlicher und ex­perimentierfreudiger.

Das, was im Rückblick als «digitale Generation» beschrieben wird, ist ein Ausdruck davon, dass junge Men­schen neue Möglichkeiten besonders früh aufgreifen und nutzen.

Was sich verändert hat

So ähnlich sich viele Muster über die Zeit hinweg zeigen, wäre es zu einfach zu sagen, dass sich durch Technik nichts Grundlegendes verändert hat. Es gibt Unterschiede.

Ein zentraler Aspekt ist die Geschwin­digkeit. Informationen, Reaktionen und Austausch finden heute in einer anderen Taktung statt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Was früher Tage oder Stunden dauerte, geschieht heute oft in Sekunden.

Damit verbunden ist eine neue Form der Zugänglichkeit. Wissen, Kontakte und Kommunikationsmöglichkeiten sind nahezu jederzeit verfügbar. Während frühere Technologien oft an bestimm­te Orte oder Zeiten gebunden waren, ist der Zugang heute weitgehend ent­koppelt von räumlichen und zeitlichen Einschränkungen. Damit ist die Grenze zwischen «online» und «offline» für viele Menschen weniger klar gezogen. Kom­munikation kann jederzeit stattfinden.

Auch die Sichtbarkeit hat sich verän­dert. Teile des eigenen Lebens, die früher im privaten oder lokalen Rah­men stattfanden, können heute leicht öffentlich werden. Rückmeldungen erfolgen nicht mehr nur im direkten Gegenüber, sondern auch in Form von Likes, Kommentaren oder stiller Beo­bachtung.

Technik verändert somit nicht einfach Menschen oder Generationen. Sie ver­ändert die Bedingungen, unter denen Menschen handeln, kommunizieren und Entscheidungen treffen.

Was gleich geblieben ist

Bei allen technologischen Verände­rungen zeigt sich zugleich eine bemer­kenswerte Kontinuität. Viele der Dy-namiken, die heute der Generation Z zugeschrieben werden, lassen sich auch in früheren Zeiten beobachten.

Junge Menschen suchen Anschluss, Zugehörigkeit und Austausch mit Gleichaltrigen. Sie probieren sich aus, testen Grenzen und entwickeln Schritt für Schritt ein Gefühl dafür, wer sie sind und wie sie leben möchten. Diese Prozesse fanden früher auf dem Pau­senplatz, in Jugendkulturen oder im Freundeskreis statt. Heute verlagert sich dies teilweise in digitale Räume. Auch sich von älteren Generationen zu unterscheiden, eigene Ausdrucks­formen zu finden und neue Trends zu setzen, gehört seit jeher zur frühen Er­wachsenenphase.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wunsch, gesehen und gehört zu wer­den. Während früher vielleicht Klei­dung, Musikgeschmack oder Treff­punkte zentrale Ausdrucksformen waren, kommen heute digitale Profile, Avatare, Tik Tok­Videos und vielleicht schon bald Holodecks hinzu.

Technik verändert die Formen, in denen sich Menschen ausdrücken. Die grundlegenden Dynamiken selbst bleiben jedoch erstaunlich stabil. Trotz dieser Parallelen hält sich die Vorstel­lung hartnäckig, Technik würde Eigen­schaften ganzer Generationen prä­gen. Neue Technologien werden dabei schnell zu Erklärungen dafür, warum «die Jungen heute anders sind».

Was heute über junge Menschen im Umgang mit Technik gesagt wird, äh­nelt jedoch sehr oft dem, was schon früher über vorherige Generationen for­muliert wurde, nur bezogen auf andere Technologien. Wenn man Technik als Teil der momentanen Möglichkeiten sieht, verschiebt sich der Blick. Tech­nik ist dann kein Erklärungsfaktor für «wie eine Generation ist», sondern ein Kontext, in dem Menschen handeln. Zu dieser Lebenssituation gehören immer mehrere Faktoren gleichzeitig: Bildungswege, berufliche Einstiegs-situationen, soziale Netzwerke, wirt­schaftliche Bedingungen – und eben auch die jeweils verfügbaren Technolo­gien. Technik wirkt dabei nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit die­sen Rahmenbedingungen.

So kann ein Smartphone für die eine Person ein Werkzeug für Austausch und Organisation sein, für eine ande­re ein Raum für Selbstdarstellung, für eine dritte eine Quelle von Ablenkung oder Entlastung. Die gleiche Technolo­gie ermöglicht Unterschiedliches.

Der Blick auf junge Menschen 

Wenn Technik vielmehr Teil der momen­tanen Möglichkeiten ist, verändert das auch den Blick auf junge Menschen. Anstatt Eigenschaften zuzuschreiben, wird es interessanter, zu fragen, in wel­chen Kontexten sie handeln und wie sie die vorhandenen Möglichkeiten nutzen.

Nicht «die Generation Z ist so», son­dern: Was wird hier gerade möglich, und wie wird damit umgegangen? Un­terschiede erscheinen dann weniger als Defizite oder Besonderheiten, son­dern als Ausdruck unterschiedlicher Situa tionen, Erfahrungen und Spiel­räume.

Ein solcher Blick verschiebt den Fokus von Bewertung der jungen Generation hin zu Neugier und Beobachtung. Er lädt dazu ein, darüber zu sprechen, was zwischen Menschen geschieht und wie sich die jeweiligen Rahmenbe­dingungen darin zeigen. Was sich ver­ändert, sind die Möglichkeiten. Nicht das, was Menschen darin suchen. 

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